Flora di Vetta: 40 neue Höhenrekorde

Auch 2025 wurde das Forschungsprojekt der Botaniker Giulia Tomasi und Alessio Bertolli des Museo Civico di Rovereto fortgesetzt. In der Anfangsphase (2022-2023) lag der Schwerpunkt auf den Naturparks und den Trentiner Dolomiten. Diese erfolgte in Zusammenarbeit mit den Naturparks sowie dem Dipartimento di Agronomia, Animali, Alimenti, Risorse naturali e Ambiente der Universität Padua. Ab 2024 wurde das Projekt „Flora di Vetta“ dank der Unterstützung der Stiftung Dolomiten UNESCO auf das gesamte Gebiet des Welterbes ausgeweitet. Erneut gab es Überraschungen: Zahlreiche Pflanzenarten sind in höhere Lagen gewandert – ein sichtbares Zeichen der Auswirkungen des Klimawandels.

Aktuelle Daten

In den letzten zwei Jahren bestiegen die beiden Botaniker unter anderem die Gipfel von Moiazza, Civetta, Pelmo, Antelao, Tofana di Mezzo, Marmolada und Sass Rigais. Dabei wurde jeweils ein Erhebungsprotokoll angewandt, das mehrere Arbeitsstunden erfordert. Insgesamt wurden 1.174 floristische Datensätze gesammelt und mittels GPS georeferenziert. Es wurden 120 Arten höherer Pflanzen erhoben, darunter 14 endemische Arten der Alpen. Im Vergleich mit den Daten des Projekts „Flora di Vetta“ (2022–2023), „Flora del Trentino“ (Prosser et al., 2019) und den Höhenrekorden endemischer Arten der Alpen (Bertolli et al., 2024) wurden 40 neue absolute Höhenrekorde festgestellt. Davon betrafen zehn endemische Arten der Alpen.

 

Marmolada: Rekord für die Saxifraga facchinii

Die Saxifraga facchinii wurde nahe des Gipfels der Marmolada auf 3.341 m gefunden. Bei der vorherigen Erhebung lag der Fund auf 3.215 m. Diese endemische Art der Alpen kommt nur im Gebiet zwischen Trentino-Südtirol und Belluno vor. Den größten Höhenunterschied im Vergleich zu früheren Erhebungen zeigte jedoch die Poa nemoralis, die um 317 m höher auf 2.987 m gefunden wurde, weniger als vierzig Meter unter dem Gipfel des Sass Rigais. Ein weiterer interessanter Rekord wurde am Antelao verzeichnet: Die Sesleria sphaerocephala subsp. Leucocephala, die 2024 bei der Erhebung der endemischen Arten der Alpen scheinbar von 3.172 auf 2.980 m gesunken war, wurde 2025 nun auf 3.257 m nachgewiesen.

Kommentar: Erwartete Ergebnisse und dennoch Überraschungen

Herr Bertolli, die gesammelten Daten werden nun ausgewertet und gründlich analysiert. Aber nach einer ersten Analyse: Was war vorhersehbar und was hat Sie überrascht?

Teilweise waren die Ergebnisse vorhersehbar, aber es gab dennoch einige bemerkenswerte Überraschungen. Einerseits wussten wir, dass der Klimawandel viele Pflanzenarten in immer größere Höhen treibt, also haben wir mit entsprechenden Funden gerechnet. Andererseits war die Anzahl der Höhenrekorde deutlich größer als erwartet. Das liegt auch daran, dass viele der untersuchten Gebiete schwer zugänglich und daher bislang kaum erforscht waren. Die Kombination aus einer sich rasch verändernden Umwelt und einer flächendeckenderen Probenahme ermöglichte es uns, teilweise bekannte Phänomene zu beobachten, deren Ausmaß und Häufigkeit uns dennoch überrascht hat. Kurz gesagt: Die Ergebnisse bestätigen bekannte Entwicklungen, machen jedoch deren Bedeutung und Ausmaß sehr deutlich.

Lässt sich schon abschätzen, wie stark der Klimawandel die beobachteten Höhenverschiebungen beeinflusst hat?

Die Universität Padua unter der Leitung von Prof. Lorenzo Marini wertet derzeit die Daten aus, um die Höhenrekorde mit verschiedenen Umwelt- und Klimafaktoren in Zusammenhang zu bringen. Wir warten auf die ersten Ergebnisse, um ein genaueres Bild zu bekommen.

Für das Projekt ist nun eine Publikations- und Vermittlungsphase vorgesehen, um unter anderem das Bewusstsein für den Klimawandel zu stärken. Werden auch die Erhebungen fortgesetzt?

In den kommenden Jahren werden wir dieselben Gipfel erneut begehen und dabei das gleiche Erhebungsprotokoll anwenden, wodurch wir die neuen Daten mit den bisherigen vergleichen können. Angesichts der raschen Veränderungen erwarten wir weitere interessante Entwicklungen.

Diese Aktivität ist Teil des Projekts „Bildung von Fähigkeiten und Kompetenzen. Stärkung des sozialen und territorialen Kapitals des UNESCO Welterbes Dolomiten (WHS) für eine dauerhafte und nachhaltige Entwicklung der lokalen Gemeinschaften“, das mit Unterstützung des Fonds für Anrainergemeinden durchgeführt wird.