Natur und Kultur in der isländischen Welterbestätte Thingvellir

Die Aufnahme der Dolomiten in die Welterbeliste im Jahr 2009 hat es ermöglicht, weltweit Beziehungen aufzubauen, kulturellen Austausch zu fördern und Verwaltungspraktiken mit anderen Stätten sowohl des Kultur- als auch des Naturerbes zu teilen. Weltoffenheit und das Bewusstsein für Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen, natürlichen und kulturellen Rahmenbedingungen bieten die außergewöhnliche Möglichkeit, über lokale Gegebenheiten hinauszublicken. Sie stärken zugleich die Idee, dass sich internationale Beziehungen durch Bildung, Wissenschaft und Kultur auf der Grundlage gegenseitigen Verständnisses aufbauen lassen. In dieser Ausgabe des Newsletters widmen wir uns dem Kulturerbe des Nationalparks Thingvellir, wo die Geschichte einer der ältesten parlamentarischen Versammlungen der Welt mit der spektakulären Landschaft und Geologie Islands, insbesondere des südwestlichen Teils der Insel, verknüpft ist. Unsere Fragen beantwortet der Direktor des Nationalparks, Einar Ásgeir Sæmundsen.

Parco Nazionale Thingvellir, Islanda

Der Nationalpark Thingvellir wurde 2004 aufgrund seines kulturellen und symbolischen Werts in die Welterbeliste aufgenommen. Er gilt als außergewöhnliches Zeugnis der jährlichen parlamentarischen Versammlung, die dort vom 10. bis zum 18. Jahrhundert stattfand. Können Sie bitte näher auf den von der UNESCO anerkannten außergewöhnlichen universellen Wert eingehen?

Der Nationalpark Thingvellir wurde gemäß der Kriterien III und VI in die Welterbeliste aufgenommen. Kriterium III hebt hervor, dass in Thingvellir die am besten erhaltenen archäologischen und historischen Überreste der Versammlung zu finden sind, die von den ersten Siedlern Islands gegründet wurde.

Das Alþingi (Althingi/Parlament) war eine jährliche Versammlung freier Männer, die sich trafen, um sich über Gesetze zu informieren und Streitigkeiten beizulegen. Es wurde 930 n. Chr. gegründet. Obwohl es in vielen Teilen Islands lokale Versammlungen gab, war die in Thingvellir zu dieser Zeit die wichtigste. Ähnliche Versammlungen entstanden während der Wikingerzeit im Nordatlantik und der Name Thingvellir ist an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Varianten bekannt. Doch keine andere Stätte ist so gut erhalten oder enthält so viele archäologische Funde und schriftliche Quellen wie Thingvellir in Island. 

Die immateriellen Werte von Thingvellir sind ein Schlüsselelement, um den Ort zu verstehen, während die archäologischen Überreste teilweise in der Landschaft verborgen sind. Zu den immateriellen Werten, mit denen man die Stätte besser verstehen kann, gehören die verschiedenen Beschreibungen aus zahlreichen isländischen Sagas, die die dort stattgefundenen Ereignisse detailliert schildern, sowie Verweise aus den frühesten Gesetzbüchern, Annalen und der Folklore. All diese Elemente tragen zum geheimnisvollen Charakter der Stätte bei und lassen in den Köpfen der Besucher ganz unterschiedliche Eindrücke und Vorstellungen entstehen.

Parco Nazionale Thingvellir, Islanda

Obwohl es sich um eine Weltkulturerbestätte handelt, umfasst der Park auch außergewöhnliche natürliche und geologische Besonderheiten, wie den großen tektonischen Graben, an dem die Kontinentalverschiebung sichtbar ist. Wie würden Sie die Bedeutung dieses Zusammenspiels von Natur und Kultur beschreiben?

Das Zusammenspiel von Geschichte und Natur bildet in gewissermaßen das Wesen dieser Stätte. Doch es ist die Natur, die die Besucher zuerst empfängt und sie mit den tektonischen Spalten sowie den markanten Berge rund um den See Thingvallavatn in ihren Bann zieht. Manchmal ist den Besuchern nicht bewusst oder klar, dass sie die geschichtsträchtigste Stätte Islands besichtigen, da die physischen Spuren ihrer Geschichte sehr versteckt sind. Deshalb muss man ihnen viele Dinge erst zeigen oder mithilfe isländischer Sagas und anderer Texte erklären. Gleichzeitig sind die Besucher ständig von beeindruckender Natur umgeben.

Ein Besuch im Nationalpark Thingvellir gehört zu den beliebtesten Reisezielen für Islandbesucher. Gibt es Probleme im Zusammenhang mit Besucherandrang?

In den letzten 15 Jahren hat der Tourismus in Island enorm zugenommen und erreichte kurz vor der Covid-Pandemie mit einem jährlichen Wachstum von 15 bis 40 % während dieses Zeitraums seinen Höhepunkt. Dies stellte viele Orte in Island, darunter auch Thingvellir, vor große Herausforderungen, da die Menschenmassen während der Spitzenzeiten an den verschiedenen Reisezielen untergebracht werden mussten.

Das Besucherverhalten in Thingvellir hat sich in diesem Zeitraum zwar nicht verändert, aber die Anzahl der Besucher hat eindeutig zugenommen. Der Bereich des Parks, den die meisten Besucher aufsuchen, ist im Vergleich zu anderen Reisezielen in Island relativ groß. Touristen können auf verschiedenen Wegen und Steigen die Landschaft erkunden, aber zu Stoßzeiten kann es auf den Hauptwegen in der Schlucht Almannagja dennoch sehr voll werden. 

Das Hauptproblem im Zusammenhang mit dem Tourismus war lange Zeit der Zugang zu Toiletten. Während Covid haben wir die Auszeit genutzt, um neue Anlagen an strategisch günstigen Standorten zu errichten, was das Besuchserlebnis spürbar verbessert hat. 

Die Besucher bewegen sich in Thingvellir auf klar gekennzeichneten Wegen, die mit einfachen Pfosten sowie Seilen und Leinen versehen sind, die darauf hinweisen, dass sie die Wege nicht verlassen dürfen. Dies ist sehr wichtig und so sind trotz des gestiegenen Besucheraufkommens in den letzten zehn Jahren in den meistbesuchten Bereichen keine Erosion und keine Schäden zu finden. 

Derzeit haben wir an mehreren Standorten Probleme mit der Parkplatzsituation, aber in den kommenden Jahren soll ein neuer Masterplan umgesetzt werden. Dieser sieht vor, größere Parkplätze weiter weg von den Hauptbereichen anzulegen, die über Wege und Busse mit den zentralen Bereichen des Parks verbunden sind. Die Parksituation ist derzeit jedoch noch überschaubar.

Parco Nazionale Thingvellir, Islanda

Werden spezifische Maßnahmen angewandt, um Besucherströme zu lenken und einen achtsamen, verantwortungsvollen Tourismus zu fördern?

Wie bereits erwähnt, sind alle Wege im zentralen Bereich mit einfachen Pfosten sowie Seilen und Leinen abgesperrt, um sicherzustellen, dass alle Touristen auf den Wegen bleiben und keine Schäden oder Erosion verursachen. Zudem sind im Nationalpark Thingvellir gut ausgebildete Parkranger im Einsatz, die sowohl auf die Sicherheit unserer Besucher achten und sie informieren als auch dafür sorgen, dass die Stätte respektiert wird.

Inwieweit beeinflusst Ihrer Meinung nach die Kommunikation in den sozialen Medien den Besucherandrang?

Allgemein lässt sich in Island beobachten, dass Medieneinflüsse das Besucherverhalten beeinflussen können, etwa indem bestimmte Orte als Fotospots genutzt werden.

Influencer müssen über die Regeln und Verhaltensweisen in Schutzgebieten informiert sein. Die Jagd und das Bedürfnis nach einem weiteren Like können dazu führen, dass sie sich sehr unverantwortlich und in manchen Fällen sogar rücksichtslos verhalten. In Thingvellir haben wir bisher jedoch keine nennenswerten negativen Erfahrungen mit Influencern gemacht. Dennoch wundere ich mich manchmal über das Verhalten von Touristen, die offenbar häufig vergessen, wo sie sich befinden und was sie erleben, weil sie sich zu sehr darauf konzentrieren, wie ihre Selfies aussehen.