„Die Dolomiten: weit mehr als nur eine Kulisse!“ Der Wunsch fürs Jahr 2026 von Roberto Padrin, Präsidenten der Stiftung Dolomiten UNESCO

La Schiara con la Gusela del Vescovà

„2025 neigt sich dem Ende zu: Ein Jahr, in dem die Dolomiten im Mittelpunkt einer großen Debatte über die Zukunft der Berge, ihrer Bewohner und der Besucher standen. Nun steht 2026 vor der Tür: Ein Jahr, das von den Olympischen Spielen Milano Cortina geprägt ist und unter anderem eine außergewöhnliche Gelegenheit bietet, um die authentischen Werte eines weltweit einzigartigen Gebiets zu vermitteln.

Die Diskussion über die Tourismusmodelle, vor allem in den Tälern, die die neun Teilgebiete des Welterbes umgeben, ist intensiver denn je. Die damit einhergehende Polarisierung bestätigt vor allem, wie sehr allen Beteiligten, trotz unterschiedlicher Standpunkte, die Gegenwart und Zukunft dieses Erbes am Herzen liegt, dessen außergewöhnlicher universeller Wert erhalten und an die kommenden Generationen weitergegeben werden muss. Es ist unvermeidlich, dass der Schwerpunkt zwischen der Erhaltung dieser Werte und dem Wunsch schwankt, den Verbleib der nächsten Generationen in den Bergen, die sie erben werden, zu fördern.

Die Arbeit der Stiftung Dolomiten UNESCO im Jahr 2025 konzentrierte sich auf das Monitoring des Erhaltungszustands des Guts und auf die institutionellen Beziehungen. Zudem wurden in Netzwerken Projekte umgesetzt, die sich mit dem bewussten und verantwortungsvollen Bergbesuch, der Erforschung und Vermittlung der geologischen und landschaftlichen Werte des Welterbes, der Bedeutung der Naturparks und Schutzgebiete sowie der Stärkung der Weiterbildung und der Beziehungen beschäftigen. Hierbei wurden insbesondere die Gemeindeverwalter, Hüttenwirte und alle Einrichtungen, die sich mit den Bergen befassen, miteinbezogen.

Auch dank dieser Tätigkeiten vor Ort bin ich überzeugt, dass der Schnittpunkt zwischen Erhaltung und nachhaltiger Entwicklung im Begriff „Authentizität“ zu finden ist. Als Bewohner eines wunderschönen, aber verletzlichen Gebiets mussten wir uns schon immer mit dem ebenso fragilen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur auseinandersetzen. Meiner Meinung nach kann ein authentischer Ansatz gerade aus dem Bewusstsein dieser Verletzbarkeit und der Komplexität der Gegebenheiten entstehen, die die Dolomiten prägen: Zur Oberflächlichkeit eines uninformierten und unvorsichtigen Bergbesuchs darf nicht noch die Oberflächlichkeit hinzukommen, zu denken oder zu hoffen, dass es einfache Lösungen für komplexe Probleme gibt und ebenso wenig die Oberflächlichkeit, zu denken oder sich vorzumachen, dass es keine Probleme gibt.

Das Dolomiten UNESCO Welterbe ist ein serielles Gut und wird als solches verwaltet, wobei die Besonderheiten und Herausforderungen jeder Provinz, jeder Region und sogar jedes einzelnen Tals berücksichtigt werden müssen. Ebenso wichtig ist der Gesamtüberblick, der aus einem teils herausfordernden, stets aber ehrlichen und zukunftsorientierten Austausch zwischen den Gebieten entsteht. Dafür möchte ich auch Stefano Zannier, Assessor der Region Friuli Venezia Giulia und meinem Vorgänger als Präsident der Stiftung Dolomiten UNESCO, sowie allen Mitgliedern des Verwaltungsrats danken, mit denen die Zusammenarbeit stets harmonisch verläuft. Wie wichtig der Austausch zwischen den Gebieten ist, zeigte sich bereits in den ersten Monaten meiner Präsidentschaft, etwa beim Kurs für Gemeindeverwalter des Welterbes in Claut, bei dem zahlreiche Bürgermeister, Assessoren und Gemeinderäte aus den Dolomiten gemeinsam über die Zukunft dieses Gebiets nachgedacht haben.

Das ist die Aufgabe der Stiftung Dolomiten UNESCO. Das ist der Weg, den die Anerkennung mit sich bringt: Sie ist weit mehr als nur ein „Label“, sondern bedeutet eine dauerhafte Verpflichtung, Entscheidungen auf das schwierige Gleichgewicht zwischen Umweltschutz und bewohnten und gelebten Bergen auszurichten.

Die Scheinwerfer sind bereits auf die Olympischen Spiele gerichtet und es ist die Aufgabe aller, besonders derjenigen, die in den Medien über das Ereignis berichten, dafür zu sorgen, dass die Dolomiten nicht nur als wunderschöne Kulisse wahrgenommen werden, sondern als ein Werk, das über Millionen von Jahren entstanden ist. Um dies zu verstehen, bedarf es einer komplexen Sichtweise, die es ermöglicht, die landschaftlichen und geologischen Werte, die zur Aufnahme der Dolomiten in die Welterbeliste geführt haben, vollständig zu erfassen. Ein Foto vom Alpenglühen oder ein Selfie allein reichen nicht aus, um behaupten zu können, man habe diese Berge wirklich erlebt und verstanden.

Mein erster Wunsch für 2026 ist daher, dass das Olympiajahr die Gelegenheit bietet, ein Bild unseres Gebiets zu vermitteln, das nicht geschönt, sondern authentisch ist.

Der zweite Wunsch gilt uns, die wir in diesen Tälern leben: Mögen wir die Anerkennung als Welterbe weiterhin als Gelegenheit betrachten, unsere Authentizität zu zeigen. Wir wussten bereits, dass die Dolomiten die schönsten Berge der Welt sind und seit 2009 hat uns die UNESCO dies bestätigt. Ihre Integrität an zukünftige Generationen weiterzugeben, ist eine Herausforderung, die auch das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt betrifft. Ein Gleichgewicht, dem unsere Gemeinschaften seit jeher einen zentralen Stellenwert in ihrer Geschichte einräumen.“

Roberto Padrin,
Präsident der Stiftung Dolomiten UNESCO