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Neuigkeiten | „Wissenschaftliche Forschung? Heute eine Bürgerpflicht“

Evelyn Kustatscher Forschung und Bildung
27 Oktober 2021

Das Studium der Vegetation von vor über 200 Millionen Jahren? Es ist eine bürgerliche und sogar politische Pflicht zu verstehen, wohin wir gehen: Dieser Überzeugung ist Evelyn Kustatscher, eine Südtiroler Paläobotanikerin, die fossile Pflanzen in den Dolomiten erforscht und deren Name nicht mehr nur in Büchern und wissenschaftlichen Artikeln, sondern auch in der offiziellen Nomenklatur erscheint – latinisiert natürlich, wie es sich für den internationalen Code gehört. Acutitomaria kustatscherae ist der Name, auf den zwei Forscher der Universität München, Prof. Alexander Nützel und Baran Karapunar, das Schneckenfossil getauft haben, das in der Nähe des Pragser Wildsees gefunden wurde, wo es vor rund 230 Millionen Jahren existiert haben soll.

Acutitomaria kustatscherae

Sprechende fossile Pflanzen

Ist es ein bisschen so, als hätte man Ihnen eine Straße oder einen Platz gewidmet?

„Es ist sicherlich die eindeutigste Art, wie Ihnen ein Kollege seine Wertschätzung für Ihre Arbeit zum Ausdruck bringen kann“, sagt Dr. Kustatscher.

Über welche Arbeit sprechen wir hier genau? Über die Forschung der beiden Münchner Kollegen oder allgemeiner über Ihren Beitrag zur Entwicklung der Paläobotanik?

„Das ist der Punkt: Ich habe Alexander Nützel und Baran Karapunar lediglich logistische Unterstützung angeboten und sie zu verschiedenen Orten begleitet, an denen sie ihre Forschungen durchgeführt haben, wie ich es bei allen Wissenschaftlern tue, die in die Dolomiten kommen. Es ist also ein Tribut an die gesamte Forschungsarbeit, die ich im Laufe der Jahre betrieben habe. Ich bin ihnen auch deshalb dankbar, weil man normalerweise erst dann in die Nomenklatur aufgenommen wird, wenn man nicht mehr am Leben ist oder ein bedeutendes Jubiläum feiert. Aber sie wollten einfach nur meine Arbeit prämieren!“

Evelyn Kustatscher kann auf mehr als hundert Publikationen verweisen; seit 2005 ist sie Kuratorin für Paläontologie am Naturmuseum Südtirol in Bozen und seit 2017 Dozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

In der Tat ist der Anstoß zu paläobotanischen Studien relativ neu und geht auch auf Ihre spezifische Forschung zurück …

„Abgesehen von den Arbeiten von Prof. Piero Leonardi und der Utrechter Paläobotanikgruppe, die sich beide auf den Bletterbach konzentrierten, erschienen bis Anfang der 2000er Jahre lediglich umfangreiche Publikationen, in denen der Paläobotanik nur sehr wenig Platz eingeräumt wurde. Heute, auch dank der Studien, die ich in den Dolomiten durchgeführt habe, wird der paläobotanische Aspekt stärker gewürdigt und steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Überlegungen. Meerestiere sind morphologisch besser zu erkennen und daher leichter zu untersuchen als ein Kiefernzapfen, ein Baumstamm oder ein Stück Wurzel, aber Pflanzen sind als erste vom Klimawandel betroffen.“

evelyn-kustacher

Die Vergangenheit bringt Licht in die Zukunft

Die Vergangenheit studieren, um die Gegenwart zu verstehen …

„Das Studium der Pflanzen ist sehr wichtig geworden, und viele Forscher auf der ganzen Welt versuchen, auch anhand der Informationen, die fossile Pflanzen liefern, zu rekonstruieren, wie das Klima in der Vergangenheit aussah, um die Veränderungen in der Gegenwart und in der Zukunft zu verstehen. Heute betrachten und klassifizieren wir ein Fossil nicht nur, um es hinter einer Glasvitrine auszustellen, sondern wir versuchen, es zur Lösung von etwas zu nutzen, was sich unlängst zu einem sozioökonomischen Problem entwickelt hat.

Wie profitiert das Welterbe Dolomiten von diesen Maßnahmen?

Je eingehender wir unsere Dolomiten studieren, desto mehr erfahren wir über die Schätze, die sie bergen. Es ist unsere Pflicht, weil wir auf diese Weise auch einen Beitrag zur Diskussion über unsere Zukunft leisten können: Deshalb halte ich es für unsere Schuldigkeit, andere Forscher zu unterstützen, die zum Forschen in die Dolomiten kommen.

Können Initiativen wie der von der Stiftung Dolomiten UNESCO geförderte Geotrail als Schnittstelle zwischen einem nachhaltigen touristischen Angebot und der wissenschaftlichen Aufwertung des Erbes fungieren?

Auf jeden Fall: Der Geotrail bietet eine „sanfte“ Form von Tourismus, die sich von der Eile, ein „Selfie“ vor einem durch die sozialen Medien bekannt gewordenen Ausblick zu machen, abhebt und auch das aufwertet, worauf die Anerkennung des Erbes beruht. Ich habe oft gehört, dass Menschen nach einer Wanderung, zum Beispiel in der Bletterbachschlucht, erstaunt sagten : „Endlich verstehe ich.“ Es ist daher notwendig, über den Geotrail hinauszugehen und den Menschen die wissenschaftlichen Gründe für die Aufnahme der Dolomiten in die Welterbeliste näher zu bringen, auch durch die Aufwertung der Museen und Besucherzentren in den Parks.

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